Wie hätte man die 30. Saison der Stiftskonzerte besser beenden können als mit einem jubelnden Bach-Programm und das mit einem der besten Barockensembles und einem der quirligsten Meister der Alten Musik: Ton Koopman ließ vergangenes Wochenende im Marmorsaal des Stifts St. Florian barocke Prachtentfaltung erblühen und führte seine Musiker zu instrumentalen und vokalen Höchstleistungen.
Auf dem Programm standen drei weltliche Kantaten Johann Sebastian Bachs (entstanden 1733 und ´35), die teilweise "Recyclingprodukte" älterer Kompositionen darstellen (BWV 205a und 207a), bzw. im Parodieverfahren größeren Werken als Materialsteinbruch dienten. Es ist spannend, frühere Fassungen kennen zu lernen, ja sogar eine Arie zweimal im Konzert zu erleben, einmal als Bassarie Nr. 7 in BWV 214 und als Altarie (Nr. 9) in der ein Jahr später entstandenen Krönungskantate BWV 205a, bei der die Rezitative verloren gegangen und von Ton Koopman kunstvoll ergänzt worden sind.
Das Amsterdamer Baroque Orchestra steht technisch auf höchstem Niveau, bei jeder Note ist die ungeheure Freude am Musizieren und der bedingungslose Kommunikationswille mit dem Publikum zu spüren. Koopman fordert höchste Konzentration, weil er immer wieder überraschende Veränderungen in Dynamik und Agogik setzt, die zu einer lebendigen Interpretation führen. Mit gleicher Präzision und in vielfarbig changierenden lupenrein intonierten Klängen agierten die 18 SängerInnen des Amsterdam Baroque Choir.
Das überzeugende Solistenensemble bestand aus der lyrisch-zarten Katharine Fuge, der ausdrucksstarken warmtönenden Altistin Anette Markert, dem flexiblen und gefühlvollen Jörg Dürmüller und dem stimm- und artikulationsgewaltigen Bass Klaus Mertens. Frenetischer Jubel. (wruss)
Krönung und zugleich Ausklang der oö. Stiftskonzerte brachte das Konzertwochenende mit dem Amsterdam Baroque Orchestra & Chor unter Ton Koopman in St. Florian. Der profunde Bach-Enthusiast von charismatischer Ausstrahlung musizierte mit seinem Elite-Ensemble so magisch-hinreißend, dass Spannung und Faszination zweieinhalb Stunden anhielten. Drei gleichwertige Stücke aus dem weltlichen Kantatenwerk Bachs ließ er im wahrsten Sinn des Wortes erschallen, besser erstrahlen in ihrer Erhabenheit und Klangpracht: „Parodien“ — durch Neutextierung und Umarbeitung umgestaltete Vokalkompositionen —, bei denen Koopman nötigenfalls selbst Hand anlegt. So hat er bloß nach Textvorlagen die Kantata BWV 205a perfekt zu einem neuen Bach-Original rekonstruiert. Perfektion ist überhaupt das Markenzeichen des Ensembles, das technisch traumwandlerisch sicher spielt und doch nie in gelehrtenhaften, akademisch-trockenen Vortragsstil verfällt. Diesem homogen angepasst war das Solistenquartett aus Katharina Fuge (Sopran), Annette Markert(Alt), Jörg Dürmüller (Tenor) und Klaus Mertens (Bass). — Endloser Jubel! G. Szeless - -
Nachdem der junge, in München geborene Tenor Jonas Kaufmann von den OÖ. Stiftskonzerten bereits vor zwei Jahren für den Solo-Part in Verdis Requiem verpflichtet worden war, kam der international inzwischen steil aufsteigende Sänger, der heuer die Partie des Belmonte in Mozarts "Entführung" bei den Salzburger Festspielen singen wird, zu einem Liederabend im Stift Lambach. Allerdings waren die Umstände für ihn nicht gerade günstig, da das soeben neu renovierte, als Saal sehr attraktive Sommerrefektorium für kleinere Stimmen "maßgeschneidert" erscheint, während Kaufmann über eine satte Opernstimme verfügt: dunkle, kompakte Basis, füllige Mittellage, sehr expansive Höhe, die in dem halligen Raum sich geradezu imponierend verbreitete. Damit sei nicht gesagt, dass der Liedgesang mit leisen Tönen auskommen sollte, schon gar nicht in Schuberts populärstem Zyklus ("Die schöne Müllerin"), der von verschmähter Liebe, von Eifersucht und Verzweiflung geprägt wird. Spätestens seit Erwin Ringel wissen wir, dass der von der (schönen) Müllerstochter wegen des sozial höhergestellten Jägers verschmähte Handwerksgeselle als extrem suizidgefährdet einzuschätzen ist. In der literarischen Vorlage (Wilhelm Müller) stürzt er sich tatsächlich - wenn auch unvertont - in den Mühlbach.
Jonas Kaufmann konnte die originale Stimmlage (Tenor) für sich beanspruchen sowie den konsequenten Wander-Duktus: Schubert wollte nur maßvolle Ausbrüche aus der Gesangslinie, um Gefühle zum Hörer zu transportieren. Wichtige Gestaltungsmittel wie parlando und mezzavoce realisierte Kaufmann als Klangreduktion, die er seiner substanzvollen Stimme häufig abringen konnte, doch war das meist mit reduzierter Klangqualität, mit verspannter Tonproduktion und einer Annäherung an den Sprechgesang verbunden. Die packendsten Eindrücke vermittelte daher auch der exzellte Begleiter Helmut Deutsch am Klavier. H. Sch.
..und seinen Pianisten Helmut Deutsch beim Stiftskonzert-Liederabend in Lambach. Der Künstler zeigt in Schuberts „Die schöne Müllerin“ die enormen reichhaltigen Klangmöglichkeiten seiner Stimme, Textdeutlichkeit und Interpretationsvermögen. Wenn auch die Intonation klappte, war „große Kunst“ zum Greifen nahe. BS
Im strahlenden GoldstuckAmbiente des renovierten Sommerrefektoriums Lambach sang am Sonntag der in den letzten Jahren international gefeierte deutsche Tenor Jonas Kaufmann Schuberts 20-teiligen Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ (D 795) nach Gedichten von Wilhelm Müller. - In erster Linie überzeugte die gestalterische Souveränität des Künstlers mit baritonal gefärbter Stimme, deren makellos beherrschter Einsatz faszinierend wirkte. Wenn Kaufmann in perfekter Atemtechnik seine Legato-Kultur einsetzt, die feine dynamische Zeichnung zu besonders weicher Phrasierung nützt und die Piani fast zu Flüstertönen in den Himmel aller Empfindungen abheben, dann hat er die Aura eines großen Liedsängers. - Allzu viel Kraft und Dramatik verschärft hingegen die Höhe („Ungeduld“) und raubt ihm die Kontrolle über die sonst so kluge Art des Differenzierens und Intonierens. Nicht gerade ausdrucksfördernd sind manchmal seine gerade noch bis an die Grenze der Wortverständlichkeit reichenden Galopptempi, die sofort beim Einstieg auffielen oder auch später im Lied „Der Jäger“. - Im Verlauf des Abends gefiel dann allerdings der unverkennbar leicht manieristische Zug von Kaufmanns Vortrag immer mehr, sodass erst zwei Zugaben den Beifall beendeten, der schon mitten im Zyklus unaufhaltsam war, als die Textvorlage des Programms das Lied „Pause“ ankündigte. Helmut Deutsch am Klavier verdiente ihn genauso sehr für seine Begleitung auf der Höhe eines Irvin Gage. - Georgina Szeless
Exquisites Getöse in der Engelszeller Stiftskirche
Neue Kronenzeitung: 14. Juli 2003
Martin Haselböck, Chor und Orchester seiner „Wiener Akademie“ und ein stimmlich potentes Solisten-Sextett berauschten sich an Carl Philipp Emanuel Bachs „Bürgerkapitänsmusiken“. Mit der spätbarocken Rarität bereiteten sie dem Publikum der Stiftskonzerte eine musikalische Horizonterweiterung und einen veritablen Ohrenschmaus. BS
Beim Stiftskonzert in Engelszell wurde die Wiener Akademie ihrem Ruf als Ensemble mit lebendiger Interpretation und Virtuosität mit österreichischer Note gerecht. Carl Philipp Emanuel Bach hatte als Hamburger Musikdirektor für Festlichkeiten der Bürger-Kapitäne um 1780 Oratorien zu schreiben; „Hebt an ihr Chöre der Freude“ und die Serenata „Der Trommelschlag“ waren nun als Rarität zu hören, wobei allegorische Figuren das Geschehen gestalten: - Im ersten Teil etwa Patriotismus und Dankbarkeit mit den Kontrasten Geiz, Üppigkeit und Krieg. Martin Haselböck animierte das Ensemble zu temperamentvoller Wiedergabe der häufig verwendeten tonmalerischen Effekte. Der Hall der Kirchenakustik verhinderte leider optimale Textverständlichkeit der Solisten, der 12-köpfige Chor wurde oft von schmetternden Bläsern übertönt. Rudolf Lessky
Julian Rachlin, Heinrich Schiff und Stefan Vladar spielten beim 12. Stiftskonzert in absoluter Übereinstimmung - --
Neu formiert zu einem Trio haben sich für das 12. Stiftskonzert am Sonntag im Kaisersaal Kremsmünster der Geiger Julian Rachlin, der Cellist Heinrich Schiff und der Pianist Stefan Vladar, jeder für sich ein Weltklassevertreter seines Faches. Die genialen Musiker spielten Antonin Dvoráks e-Moll-Klaviertrio op. 90, bekannt als „Dumky-Trio“, farbig und feurig bis ausgelassen, wie nun einmal die unterschiedlichen Charaktere der sechs Sätze ausgelegt sind. Dabei stand über dem selbstverständlichen Genuss technischer Perfektion die — wie ein kleines Wunder bei der Individualität der Künstler — absolute Übereinstimmung auf der musikalischen Seite, das Atmen und Erleben der Musik im völlig gleichen Rhythmus. Schon deswegen wäre bei Machbarkeit ein fixer Trioname für das Ensemble wünschenswert. - Diese wunderbare Harmonie klappt auch im Duo, wie es Stiftskonzertleiter Stefan Vladar mit seinen Partnern im ersten Programmteil bewies. Mit Julian Rachlin, der wie sein berühmter Kollege Maxim Vengerov auch die Bratsche spielt, hatte Vladar die Sonate für Viola und Klavier op. 147 von Dimitri Schostakowitsch vorbereitet und ergreifend in ihrer Traurigkeit präsentiert. So erschütternd in innig leiser Dunkelheit und Zartheitwaren wohl die Beetho-ven'schen „Mondscheinso-nate“-Fanatsien im Ada-gio-Finalsatz kaum einmal zu empfinden. Und dann Brahms Cellosonate e-Moll op. 38 mit Heinrich Schiff. Sie fesselte in jedem Takt durch Schiffs blühende Prachttöne und die totale Hingabe des Interpreten. Das begeisterte Publikum erjubelte eine Mendelssohn-Zugabe. Georgina Szeless - -
11. Stiftskonzert mit bravourösem Chor aus Tschechien: „Ein Deutsches Requiem“ in der Basilika St. Florian - - -
Ähnlichen Zustrom wie sonst nur eine Bruckner-Aufführung hatte Johannes Brahms beim 11. Stiftskonzert am Samstag in der Basilika St. Florian. „Ein Deutsches Requiem“ op. 45 nach Worten der Heiligen Schrift für Soli, Chor und Orchester stand auf dem Programm. Es handelt sich dabei um jenes ungewöhnliche, aber beliebte Meisterwerk unter den Totenmessen, das Brahms nicht ganz leicht von der Hand ging, entstand es doch in zögernden Schüben über 15 Jahre hinweg. - Stefan Vladar betreute die Wiedergabe am Pult mit besonderer Hingabe. Er spielte auf der Klaviatur dirigentischer Gestik bis in die Fingerspitzen mit pianistischer Kunstfertigkeit und brauchte den Stab nicht, stand ihm doch eine Luxusbesetzung zur Seite. An erster Stelle ist der Tschechisch Philharmonische Chor Brno zu nennen, sicher zu den weltbesten Oriatorienchören zählend, geschult von dem großartigen Petr Fiala. Die schwebenden Legatobögen oder die Attacke im jüngsten Gericht waren wohltuende Klangbäder von überirdischer Schönheit. Bo Skovhus (Bariton) und Juliane Banse (sieht Mutterfreuden entgegen) sangen mit dem Chor angepasster Inbrunst die Soli, das Bruckner Orchester musizierte auf ebenbürtigem Niveau. Ergriffenheit, Tröstung, Hoffnung, aus vielen Gefühlen entlud sich der Beifall nach betretenen Schweigesekunden. - Georgina Szeless - -
Für das Konzert der Budapester Streichersolisten unter Stefan Vladar, das vergangenes Wochenende zwei Mal auf dem Programm der Stiftskonzerte im Kaisersaal Kremsmünster stand, würden mathematisch-physikalische Einheiten eher zur Beschreibung geeignet sein als musikalisch-emotionale. Wer ist schneller? Lauter? Knallender? Ist Musik tatsächlich zur technokratischen Sensation verkommen? Können nur mehr perlendes Laufwerk und schnalzende Akkorde, Affektiertheit jenseits jeglicher aufführungspraktischer Theorie das Publikum begeistern? Eben nicht. Obwohl das Publikum von der technisch absolut perfekten Darbietung begeistert war, fehlte die emotionale Wärme um es zur Ekstase zu führen. Die eher dem Kriegsgott Mars entsprechende Widergabe von Mozarts "Jupiter" - Symphonie, die in der rhythmischen Attacke nur Aggressivität kannte und kaum in sich zur Ruhe fand, litt vor allem an der Klangfarbenregie. So wurden thematische Dialoge zwischen Violinen und Celli zwar angezeigt, doch letztere kamen im wenig ausbalancierten Tumult kaum zu Wort. Im tempomäßig rekordverdächtigen Finalsatz perlte Mozarts feine Kontrapunktik zusammenhangslos dahin. Effekt hatte das Ganze durchaus, aber wohl kaum den ursprünglich intendierten.
Bei den beiden Klavierkonzerten verhielt es sich nicht viel anders, nur dass Vladar als Pianist trotz aller überzogenen Tempi zu musizieren verstand. Gerade das brillante D-Dur-Konzert profitierte von der durchsichtigen Interpretation, während das d-Moll-Opus ohne dessen geheimnisvolle Düsterheit auf den Hörer prallte. Gerade das schwebende Thema der Romanze klebte erdenschwer am Boden und entfaltete sich kaum zu jener luftigen Leichtigkeit, wie es die irrtümlich in den Saal geflogene Schwalbe vorexerzierte.
Die Uraufführung der Serenade von Werner Steinmetz kostete bei weitem nicht alle raffinierten Elemente der verschroben stilisierten Tanzsätze aus, die in sich prägnanter und differenzierter wirkten, als die ein bisschen an Bartòk erinnernden Schlusssätze. Die sehr gut disponierten Budapester Streichersolisten genossen das ungezügelte und ständig von Vladar erneut angestachelte Schwelgen in Lautstärke, obwohl sie sicherlich zu einem wesentlich feineren Musizieren fähig gewesen wären.
Das 7. und 8. Stiftskonzert der Saison brachte die Budapester Streichersolisten nach Kremsmünster, ein international gefragtes Ensemble von 16 Streichern, das für Mozarts Jupiter-Symphonie und dessen Klavierkonzerte in d-Moll KV 466 und in D-Dur KV 537 aufgestockt wurde. Der Paukist in Extra-Hochform durfte dabei unter der Leitung von Stefan Vladar ungebremst ans Werk gehen, sodass die Jupiter-Symphonie erst kurz nach 22 Uhr begann. Die Klavierkonzerte meisterte Vladar mit heftig rauschenden Zugriffen als Solist und zugleich Dirigent vom Konzertflügel aus. Höhepunkt des Abends war die Uraufführung der „Serenade für Streichorchester“ von Landeskulturpreisträger Werner Steinmetz: ein sehr ansprechendes Werk, in dem in 6 Sätzen der klanglichen Vielfalt der Streichinstrumente nachgespürt wird. Interessante Kombinationen und rhythmische Gegenpole zeigen Steinmetz als Praktiker, der weiß, dass man mit Überraschungseffekten das Publikum bei Laune halten kann, das trotz der späten Stunde heftig applaudierte. CG
Im Zentrum einmal mehr eine Uraufführung, diesmal die „Serenade für Streichorchester“ von Werner Steinmetz: sechs originell gewachsene Charakterstücke, von denen „Walzer“ mit seinen zauberhaften architektonischen Verrenkungen im Gedächtnis bleibt.
Die ambitionierten „Budapester Streichersolisten“ vermitteln dem Komponisten einen ansehnlichen Publikumserfolg.
Ansonsten fegt ein Orkan Mozart`scher Musik durch den Saal: die Klavierkonzerte KV 466
und 537 mit dem vitalen Stefan Vladar als Solisten und Dirigenten sowie die als olympisches Paukengewitter dargestellte „Jupiter-Symphonie“.
Tosender Applaus! BS
Bassist Robert Holl und Pianist Oleg Maisenberg...
Neue Kronenzeitung vom 01. 07. 2003
... gestalteten am Sonntag ein Stiftskonzert im Kaisersaal von Kremsmünster. Sie eröffneten mit Robert Schumanns Liederkreis op. 39 nach Gedichten von Joseph Eichendorff. Der Ausnahmesänger punktete mit Stimmgewalt und Bühnenpräsenz, konnte aber auch mit sanft dosiertem Feingefühl rühren. Der zweite Teil des Abends stand ganz im Zeichen von Johannes Brahms. Bei den „Sechs Liedern nach Texten von Heinrich Heine“ und „Vier ernsten Gesängen op. 121“ kosteten Holl und Maisenberg die Schwermut und Melancholie zur Gänze aus und ernteten dafür stürmischen Applaus des begeisterten Publikums. CB
Wie geschaffen war der Sonntagabend im Stift Kremsmünster für romantische Lieder von Schumann- und Brahms, die von Robert Holl (Bass) und Oleg Maisenberg (Klavier) in einer Perfektion „nicht von dieser Welt“ dargeboten wurden. - Holl, ständiger Gast an den großen Bühnen der Welt, gilt als einer der renommiertesten Liedsänger unserer Tage. Er verfügt über eine Stimm-Modulation und Ausdruckskraft, die einfach gefangen nimmt. Vor allem, wenn alles so harmonisch zusammenspielt wie an diesem wunderbaren Sommerabend, der allein schon empfänglich machte für die romantische Lyrik Joseph von Eichendorffs. Robert Schumann vertonte darin Texte wie „Frühlingsnacht“ oder „Wehmut“ zu einem seiner stimmungsvollsten Liederzyklen, dem „Liederkreis op. 39“. Ganz anders dann die Sechs Lieder von Johannes Brahms nach Texten von Heinrich Heine. Melancholisch, oft mit Tod und Schwermut als Inhalt. Höhepunkt eines Abends mit Festspielqualität: die „Vier ernsten Gesänge op. 121“, entstanden 1897, ein Jahr vor Brahms Tod, mit vom Komponisten zusammengestellten Texten aus der Heiligen Schrift. Nach der bitteren Erkenntnis der Vergänglichkeit ein versöhnlicher Ausgangvoller Trost: „Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ - Kein Zuhörer, der nicht innerlich gebebt hätte von der Intensität, mit der Holl dies brachte — wie ein Bekenntnis, das plötzlich wieder an die Kraft der allumfassenden Liebe glauben machte. Fast erleichterte dann nach enthusiastischem Beifall Brahms' in seiner Schlichtheit berührendes Abendlied. Wesentlich bei all dem: die einfühlsame Begleitung Oleg Maisenbergs. Ingrid Feilmayr
Die OÖ. Stiftskonzerte, reich an Fixpunkten und Attraktionen, sprechen mit einem hohen Auslastungsgrad das Publikum an. Die Programme hiefür versinken nicht in beliebiger Routine, sondern pflegen einen gekonnten Mix aus Bekanntem und Rarem. Ein Musterbeispiel dafür bildete im randvollen Marmorsaal St. Florians am Samstag (mit Wiederholung am Sonntag) die Saisoneröffnung mit der unverkennbaren Handschrift von Dennis Russel Davies (DRD) und dem Bruckner Orchester.
Die Wiedergabe von Dvoraks "Bagatellen", ursprünglich für einige Instrumente und vom Dirigenten genau im Tonfall des Komponisten für kleine Orchester einfühlsam gesetzt, punktete mit melodischer Fülle und Folklore, mit getragener Ruhe und sprühendem Temperament.
Ganz anders die originelle Symphonie Nr. 3 aus 1904 vom Amerikaner Charles Ives (1874 bis 1954) für Streicher, sieben Bläser und verklingende Glocken-Akkorde in den beiden letzten Takten. DRD hat mit der ihm eigenen Kompetenz eine aufschlussreiche und eindringliche Begegnung vermittelt. Das eigenwillige Werk, das die heutigen Ohren nie erschreckt, alles eher denn fad wirkt, zeigt Freude am Melodischen und verleugnet nie kirchenmusikalischen Hintergrund. Mit bildlichen Assoziationen hat es aber der Zuhörer dennoch schwer, wenn die Satzbezeichnungen lauten: "Versammlung alter Leute", "Der Tag der Kinder", "Communion".
Mit Mozarts großer g-Moll-Symphonie (in der selten gespielten Fassung ohne Klarinetten) bot das Orchester eine Glanzleistung, bei welcher der Grundton des Werkes (Trauer, Schmerz) in den einzelnen Sätzen differenziert, im festen, griffigen und spannenden Musizieren vorgestellt wurde. Bemerkenswert: die Intensität des Menuett-Satzes; das Finale mit der an sich unheimlichen Rasanz samt einer weiteren Steigerung der Klang-Dichte im Durchführungsteil und die - nicht immer als so selbstverständlich beachteten - originalen Wiederholungen von Satzteilen.
Im 5. Stiftskonzert gab sich der künstlerische Leiter der Stiftskonzerte die Ehre mit einem Klavierabend im Sommerrefektorium des Stiftes St. Florian: Stefan Vladar musizierte Brahms und Chopin - ein Programm eher mit Seltenheitswert. Groß und weit ausladend die "Drei Intermezzi" op. 117 von Johannes Brahms und dessen "Sechs Klavierstücke" op. 118 in gut gesteuerter Klangkultur und gelegentlicher Sensibilität. Die 24 Preludes von Chopin waren eine überraschungsvolle Abwechslung in Tempo und Dynamikmit denen Vladar seine brillante Geläufigkeit unter Beweis stellen konnte. (gru)
Die OÖ. Stiftskonzerte feierten am Samstag mit einem Festgottesdienst (zelebriert von Probst Wilhelm Neuwirth) in der randvollen Stiftskirche von St. Florian ihr 30-Jahre-Jubiläum. Der musikalische Teil umfasste die Aufführung von Joseph Haydns "Paukenmesse" und "tedeum", beide eindringlich in der inhaltlichen Aussage und beeindruckend für die Zuhörer.
Der zahlenstarke Mozart-Chor mit seinen jungen Stimmen und die gleichaltrigen Instrumentalisten - alle aus dem Musikgymnasium - lieferten damit wiederum einen eindrucksvollen Beweis für ihre hohe Leistungskraft aus Klangkultur und Homogenität. Das tadellose Solistenquartett mit einem persönlichen Naheverhältnis zum Gymnasium bestand aus Christine Pree-Wachmann (Sopran), Michael Selinger (Alt), Kurt Azesberger (Tenor) und Klaus Kuttler (Bass).
Wolfgang Mayrhofer - für Einstudierung und Aufführung verantwortlich - vermittelte eine mustergültige Wiedergabe, die durch Matthias Giesen an der Bruckner-Orgel mit gewaltiger Klangentfaltung in den entsprechenden liturgischen Abschnitten vorbildlich ergänzt war.
Zusammen mit dem sich zum Raumklang steigernden Volksgesang und der wort- sowie bildstarken Predigt von Wilhelm Zauner bleibt ein eindrucksvoller Gottesdienst in Erinnerung. (fz)
Neues Volksblatt - Kultur Ein „Raubtierbändiger“ amFlügel zum Stiftskonzerte-30er
OÖNachrichten vom 23.06.2003
Mit einem großen Festgottesdienst in der Stiftsbasilika zu St. Florian begingen die Oö. Stiftskonzerte am Samstag das Jubiläum ihrer 30. Saison (die ersten Stiftskonzerte gab es 1974). Trotz aller Qualität haben aber musikalische Erlebnisse, wie sie dort am Abend zuvor von deren künstlerischem Leiter, dem Wiener Pianisten Stefan Vladar geboten wurden, Seltenheitswert. - - An die tausend Menschen hörten Samstagabend in der bis auf den letzten Stehplatz gefüllten Kirche die „Paukenmesse“ und das „Te deum“ von Joseph Haydn, fein dargeboten vom Mozartchor und dem Orchester des Linzer Musikgymnasiums unter Wolfgang Mayrhofer. Propst Wilhelm Neuwirth betonte in seiner Festrede, dass die Stifte des Landes ihren Auftrag darin sehen, „alles zur größeren Ehre Gottes“ zu tun — die Stiftskonzerte seien ein Teil dieser Sinngebung. - Das bewies schon am Abend zuvor deren Leiter. Stefan Vladar, seit 1999 neben seiner Lehrtätigkeit in Wien und Konzerten mit allen berühmten Dirigenten und Orchestern unserer Zeit auch künstlerischer Leiter der Stiftskonzerte, hat enorm an Reife und Ausdrucksfähigkeit zugelegt. Seine technische Brillanz steht außer Frage, aber seine jungenhafte Unbekümmertheit und der spielerische Übermut ist nur mehr selten spürbar, wenn auch glücklicherweise nicht ganz verloren. Was aber das äußerst anspruchsvolle Programm, späte Klavierwerke von Johannes Brahms und die 24 Preludes op. 28 von Frederic Chopin, den faszinierten Zuhörern offenbarte, war ein Künstler, dessen Interpretation man erlebte Höhen und Tiefen des Daseins abnahm. - Brahms' „Drei Intermezzi“ op. 117 und die Sechs Klavierstücke op. 118 gelten als dessen reifste und persönlichste Werke und werden oft als elegische Altersporträts des Meisters bezeichnet. In ihren unterschiedlichen Melodien und Figurationen lassen sie den Pianisten sein Publikum voll in den Bann ziehen, wobei Vladar den Eindruck eines modernen „Hexenmeisters und Magiers“ zu erwecken versteht. Er bändigt die Tasten wie der Dompteur ein kraftvolles Raubtier, das zwar ein mächtiges Eigenleben besitzt, aber voll und ganz von seinem Herrn und Meister abhängig ist. Interpret und Instrument verschmolzen wunderbarerweise mit dem atemlos lauschenden Publikum zu einer mysteriösen Einheit, spürbarer noch bei den packenden Chopin-Preludes, die alle Stimmungen und Tonarten durchlaufen. Einheit in der Vielfalt ist das Motto dieses Werkes, und forderte es vom Künstler, der alles auswendig spielt, höchsten Einsatz, so nahm auch das Zuhören und Sich-Versenken und Fallenlassen in diese Interpretation fast körperlich mit. Liszts „Tröstungen“ waren als harmonischer, versöhnlicher Ausklang des die Seele berührenden Abends die einzig denkbare Zugabe.Ingrid Feilmayr - * - Nächste Stiftskonzerte: 28. (20 Uhr) und 29. Juni (11 Uhr), Budapester Streichersolisten unter Vladar am Klavier. Karten in jeder VKB oder Tel. 0732/77 61 27. - - -
Beglückende Momente – Klavierabend Stefan Vladars im Sommerrefektorium des Stiftes St. Florian: einmal mehr ein Stiftskonzert mit beglückenden Momenten. Namentlich die langsamen Abschnitte zeigen sensibel gesteuerte Klangkultur: Reicher Applaus !
Vor allem in den leiseren Abschnitten demonstrierte Vladar untrüglichen Sinn für kantable Melodieverläufe: zu beobachten in den 24 Préludes von Chopin sowie in den Intermezzi op. 117 und den sechs Klavierstücken op. 118 von Brahms. Zu beobachten freilich auch akustische Verzerrungen im schwer berechenbaren Raumhall BS
Wenn bei den oö. Stiftskonzerten die King's Singers angesagt sind, setzt stets ein großes Wettrennen um Karten und Plätze ein. So auch am Sonntagabend, als der Marmorsaal von Stift St. Florian zum Bersten voll war mit begeisterten Zuhörern, die den sechs britischen Sängern zujubelten. - Eine beinah' unglaubliche Vielseitigkeit — ohne im Programm eine einzige Trennung zwischen E(rnster) und U(nterhaltungs)-Musik zu machen — ist zum Markenzeichen der qualitätsvollen Herren geworden. Vor englischen Altmeistern wie William Byrd oder Thomas Morley, deren Madrigale in ihrer kontrapunktischen Verschlungenheit wie ein zauberhaft gewebter Klangteppich zu hören waren, scheuen diese Stimmbandkünstler ebenso wenig zurück wie vor zeitgenössischen Chorwerken. Letztere werden zum Teil auch extra für die King's Singers geschrieben. - Bei all dem begeistern sie mit den ungewöhnlichsten Sing-Manieren, deren Klangergebnisse oftmals fast instrumentalen Charakter bekommen. Etwa bei Cyrillus Kreek, einem bedeutenden estnischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, dessen Psalmenfolge einen tiefen religiösen Hintergrund aufzeigte in ihrer würdevollen Harmonie und den eigenartigen Melodien seiner Heimat. - Der Westküstenamerikaner John McCabe (Jahrgang 1939) wiederum hat in seinen Kompositionen die Eindrücke der Wüstenlandschaft eingefangen und deren Vielfalt, in Klang dargestellt, den King's Singers anvertraut. Mit Benjamin Britten's Sechs Choral Dances aus „Gloriana“ op. 53 (Krönungsoper für Königin Elisabeth ll., 1953) war das offizielle Programm zu Ende. Bloß: himmelstürmende Applauskaskaden zwischendurch und am Ende ließen noch viele Draufgaben folgen, wobei der typisch britische Humor in ihrer Choreografie den Unterhaltungswert des Ensembles hervorkehrte.
Christine Grubauer
Es ist immer wieder ein Ereignis, die ungeheure Perfektion englischer Vokalensembles zu erleben. Einerseits ist die für uns noch immer fremdartige Klanglichkeit männlicher Soprane sowie Alte faszinierend. Andererseits die große Disziplin, mit der nicht nur das klassische Repertoire sondern vor allem die mit ungeheurem schwarzen Humor vorgetragenen Arrangements zeitgenössischer Popularmusik vorgetragen werden. Gipfelpunkt dieser traditionsreichen Ensembles sind zweifelsohne die King's Singers, die am Sonntag das ehrwürdige Stiftskonzerte-Publikum im St. Florianer Marmorsaal zum Brodeln brachten.
Dabei wurde diesmal nicht das übliche Tourneeprogramm geboten, sondern ein fein abgestuftes höchst sensibles Ausloten musikalischer Stimmungen in der Reflexion alter Musik durch neue Klänge. Unglaublich präzis gelangen die filigranen Netzwerke englischer Madrigale von Byrd, Morley, Mundy und Weelkes, wobei die sechs Herren im Drang nach tief greifender Interpretation mit unersättlicher Genusssucht im sinnlichen Klangfluss elisabethanischer Noblesse badeten.
Diese typisch englische Geste setzte sich im zweiten Teil mit Brittens Choral Dances aus "Gloriana" fort. Ebenso nobel dargeboten erklangen die "Estnischen Psalmen" des bei uns unbekannten Cyrillus Kreek. Höchst diffizil in Intonation und rhythmischer Variabilität zeigten sich John McCabes "Scenes in Amerika Derserta". Wüstenmusik die Stille, Hitze, Licht in visionäre Formen gießt und dabei in zeitgenössischer Lautmalerei die Zunge am Gaumen ankleben ließ.
Dem Publikum zu Liebe gab's dann ein paar "Arrangements in closed harmony", also kunstvolle Bearbeitungen von den Beatles bis zu Queen, die allerdings nicht wirklich in das sonst schlüssige Programm passten. Was soll's - gefallen hat's, und genial dargeboten waren diese popmusikalischen Kleinode ebenfalls. Sie haben es wieder einmal bewiesen: sie sind schlechthin die Kings of Singers.
Michael Wruss